Sonntag um neun war kein Tisch mehr frei in dieser Stadt. Dann 120 Minuten, in denen fast nichts passiert ist.

In der Frechheit einer Halbzeit, die 27 statt 15 Minuten gedauert hat, hab ich noch immer den tauben Mund vom Samstag gespürt. In der Verlängerung hab ich an einen Reiswein gedacht, von dem ich vorher nicht mal gewusst hab, dass es ihn gibt. Und beim Tor in der 106. daran, dass die Hermanos endlich ein gscheites Dach überm Kopf haben.

Fußball war das keiner. Teuer war die Woche trotzdem (gefühlt zumindest), und schuld ist eine Kugel Eis.

DEEP DIVE

Eis Carlo als Little luxury - Warum der Edeleisgreissler boomt, während wir rechnen

Kurz für alle, dies nicht kennen. Carlo ist ein Eisgeschäft am Hamerlingplatz in der Josefstadt. Aufgesperrt vor fünf Jahren, von Carlo Maghakian. Es gibt die normalen Sorten um 3,40, und daneben die Selection Sorten. Dort fangen die Kugeln bei 5,90 an. Und wenn dir das noch zu wenig ist, kannst du dir die 0,5l box für entspannte 24€ holen. Absurd.

Die neue Carlo Location im Ersten

Aber in meinen Augen is es ganz einfach… wenn sich unsere Gäste kein vollwertiges Abendessen mehr leisten können, das mit Getränken in Wien gern mal 50 bis 150 Euro pro Person kosten darf, müssen sie halt was anderes auf ihr Insta posten. Und da reicht für viele ein Eismarillenknödel vom Tichy einfach nicht mehr aus.

Selbst in Zeiten der Rezession wollen die Leute Little Luxurys in ihrem Leben einbauen. Der Gast will für die zweieinhalb Minuten, die es braucht, seine Kugel sinnlich aufzuschlabbern, vergessen, dass ihn das Pensionssystem verascht, die Inflation seine Lohnerhöhung auffrisst und seine Familie eigentlich gern wieder einmal wo hinfliegen würde.

Ein schnelles Bild auf Instagram gepostet, sich am nächsten Tag bei den Bürokollegen über die 5,90 für eine Kugel von der Selection-Karte aufgeregt, und im Unterton, nicht ganz so subtil wie er es gern gsagt hätte, eine kleine Angeberei.

Und genau da liegts. Der Preis ist nicht das Problem an dem Eis, der Preis ist das Produkt. Zu billig, und du erzählst am Montag im Büro niemandem davon. Zu teuer, und du kaufst es gar nicht erst. Ein Eismarillenknödel ist zu selbstverständlich, ein Abendessen um 120 Euro ist zu weit weg. Knapp sechs Euro sind genau das Fenster, in das im Sommer 2026 noch wer reingeht.

Viele geben ihr Geld nicht mehr für Gucci Taschen und teure Urlaube aus, dazu reichts einfach nimmer.. die Little Luxurys 2026 sind Carlo Eis und Kirschen beim Billa, statt Luxusurlaub und Golfkurs im Sommer.

Und ganz ehrlich: Chapeau, Carlo. Der Mann verkauft keine Kugel Eis. Er verkauft das letzte leistbare Angeben in dieser Stadt, und er hat das früher verstanden als die meisten von uns hinterm Tresen. Und das Eis schmeckt auch ganz gut.

STADTGEFLÜSTER

Die Tacos Hermanos sind sesshaft geworden. Vom Standl am Naschmarkt in ein Souterrainlokal in der Kolingasse im Neunten, ein paar Schritte vom Schottentor. Unsere Lieblings Tacos haben endlich ein gscheites Dach überm Kopf, Dienstag bis Samstag von fünf bis Mitternacht.

Dass jetzt auch der Falter und der Falstaff draufgekommen sind, heißt für euch vor allem eines: ab sofort werdets euch anstellen. Gehts trotzdem hin.

Tuna Tostada und Birria sind unschlagbar

GABEL

Sichuan Ravioli. Kein neues Lokal, aber eines von denen, das viel zu wenig Leute kennen.

Man geht hin, jeder bestellt sich einen Gurkensalat gegen die Schärfe, dazu zwei verschiedene Dumplings. Allein der Gurkensalat: Süß, sauer, fett Knoblauch, aber not in a very stinky way. Die Nüsse und die Gewürze obendrauf machen dir den Mund taub. Für mich Top drei in der Stadt.

Leben könnte nicht besser sein

Bei den Dumplings unbedingt die mit Schwein und Bärlauch. Der Hühnerkeulen-Salat war dann nicht so meins, aber die Soße darunter, das ist einfach nur Chiliöl mit Essig und verschiedenen Köstlichkeiten, und sie ist genial.

Nicht zu unterschätzen: die Dandan-Nudeln. Ich bin aber auch einfach ein riesen Fan von Sichuanküche. Diese extrem intensiven Geschmäcker, der Burn auf der Zunge und der leicht Taube Mund, sind in Kombination einer geilsten Dinge auf der Welt.

Rechte Wienzeile 25 bis 27, im Vierten. Sonntag zu.

GLAS

Sipsong Bar, Florianigasse 15 im Achten. Die kleine Schwester vom Mamamon, winzig, quietschbunt, und die paar Plätze sind entsprechend schnell weg.

Das eigentliche Ding dort ist der Sato: selbst gebrauter, fermentierter Reiswein. Den kriegst du in Thailand kaum außer Landes, und in Wien schenkt ihn sonst fast niemand aus. Hat etwas von Sake mit Sekt gemischt.

Muss man probiert haben!

Mittwoch bis Samstag ab fünf. Gehts hin und trinkts euch durch.

SAVE THE DATE

Heute ein Hinweis in eigener Sache: Diesen Samstag, den 25., von zwölf bis zweiundzwanzig Uhr ist das Krawall Summer Pop-up in der Weihburggasse 21 im Ersten. Live-Musik und Drinks gibts von der Krawall Bar. Um das Essen kümmert sich dasDrittl und es wird sommerlich lecker. Ich freu mich auf jeden der kommt.

OUTRO

Das war die zweite Ausgabe. Wenn sie dir gefällt, leite sie weiter. Ich würde mich auch sehr über Feedback aller Art freuen. Antworte einfach auf diese Mail, damit ich weiß, was dir gefällt bzw. nicht gefällt.

Wir hören uns nächsten Donnerstag wieder.

Esst gut,

Lutz