
Für eine Empfehlung zahlt uns kein Lokal. Freund:innen hinterm Tresen haben wir dafür einige, und das hat uns letzte Woche jemand vorgehalten, deutlich und nicht ganz zu Unrecht. Mara antwortet im Deep Dive, wir im Nachwort. Davor drängelt sich Lutz für Teigtaschen freiwillig durch die Mariahilfer Straße, und Mara nimmt dich mit in ein italienisches Ecklokal im Vierten, in dem niemand eine Speisekarte braucht.

Ich muss ehrlich mit dir sein, lieber Leser… die Mariahilfer Straße ist für mich selten ein Ort der inneren Ruhe. Menschenmengen. Lieferando-Fahrer versuchen einem mit 40 km/h getunten E-Rollern das Leben zu nehmen. Schlichtweg das Mekka einer konsumsüchtigen Welt.
Also nicht ganz meins… außer natürlich es geht ums Vollstopfen mit köstlichen gefüllten chinesischen Teigtaschen ;)
Heute gehts für mich ins Laolao.

Baozi, Jiaozi, handgezogene Nudeln. Aber von vorne.
„Laolao“ bedeutet auf Mandarin Großmutter mütterlicherseits. Gastronomin Qiu Xiaomei ließ sich für das Konzept von den Gerichten ihrer Oma inspirieren. Ein Lokal, das dich bekochen will wie die Oma?
!!GENAU MEINS!!
Drinnen treffen raue, helle Wände auf warme Holztische, eine hohe Decke und runde, hinterleuchtete Holzflächen. Darüber hängt ein Lampenschirm, unter dem du wahrscheinlich auch deine standesamtliche Hochzeit abhalten könntest. Wirklich fescher Laden!
Es ist hell, bequem und gemütlich. Die Bedienung ist nett. Beste Voraussetzungen also, dass ich deutlich mehr bestelle, als notwendig wäre.
Überraschung… genau das passiert. Leider bin ich von den Vorspeisen nicht komplett vom Hocker geflogen.
Die frittierten Enoki sind mir etwas zu trocken. Optisch ein kleines Feuerwerk, diese aufgefächerten Pilzbüschel… geschmacklich zündet’s leider nicht ganz. Der Gurkensalat ist gut, die Frühlingsrolle frisch frittiert, knusprig und brennheiß, Füllung aber nicht ganz würzig genug für meinen Geschmack. Nichts Dramatisches, aber auch keine absoluten Knaller.

Und dann gewinnt ausgerechnet der Brokkoli.
DER BROKKOLI.
Wenn zwischen Ripperln und Frittiertem ein grünes Gemüse meine gesamte Aufmerksamkeit bekommt, hat jemand den Brokkoli verdammt gut verstanden.
Knackig, frisch, wirklich klasse gewürzt. Die Röschen haben Biss, nichts ist traurig zerkocht. Dazu ordentlich Knoblauch. Genau die Menge, bei der man hofft, dass alle mitessen, weil man sonst am Heimweg plötzlich sehr viel persönlichen Freiraum bekommt.
Ungewohnt, kräftig, frisch. Davon bitte mehr.
Dann kommen aber die Dinge, wegen denen wir überhaupt hier sitzen.
Die Baozi.

Kleine, geschlossene Germteigbrötchen, hübsch zusammengefaltet, im Holzdämpfer serviert. Schauen recht unschuldig aus. Helle Teigpolster, die niemandem etwas Böses wollen.
Dann beißt du rein.
OIDA CIAO! Da schnallst komplett ab.
Die Rindfleischfüllung ist unfassbar saftig. Würzig, aromatisch, köstlich. Außen weicher Germteig, innen so viel Geschmack, dass ich kurz sehr wenig Interesse am Tischgespräch habe. Sorry, Freunde, we’re having a moment here.
Der Teig gehört dabei genauso zum Genuss wie die Füllung. Weich und flaumig nimmt er die kräftigen Aromen auf und macht jeden Bissen zu einem kleinen, vollständigen Essen. Ein bissl Chiliöl drauf geht natürlich trotzdem. Man darf ja schließlich auch mal lecka sein…
Die Jiaozi machen direkt weiter. Ebenfalls Rindfleisch, ebenfalls absolut fantastisch. Hier sitzt die saftige Füllung in einer deutlich dünneren Teighülle. Ein anderer Biss, dasselbe Problem: Ich will schon die nächste, während ich die erste noch esse.

Baozi oder Jiaozi?
Ja.
Bitte beides. Ich werde keinen unnötigen Konflikt zwischen zwei köstlichen Teigtaschen anfangen. Und dann kommen die Tantan-Nudeln.
Breite, handgezogene Teigbänder, dazwischen Faschiertes, Grünzeug und ordentlich Würze. Du hebst eine Nudel mit den Stäbchen hoch und fragst dich irgendwann, ob du dafür aufstehen musst.

Aber der eigentliche Wahnsinn ist der Biss.
DIESER BISS.
Die Nudeln geben nach und halten gleichzeitig dagegen. Elastisch, angenehm zu kauen, mit diesem leicht federnden Gefühl, bei dem man versteht, warum jemand den Aufwand betreibt, Teig von Hand zu ziehen.
Und dann die Würzung. Scharf. Salzig. Süß. Einfach voll in die Fresse.
Die Sauce bleibt an den breiten Nudeln hängen. Jeder Bissen unfassbar aromatisch. Ich hab’s geliebt.

So sehr, dass die Vorspeisen gedanklich ziemlich schnell an Bedeutung verlieren. Aber während ich diese Nudeln esse, plane ich bereits meinen nächsten Besuch.
Dann zum Mittagsmenü und mit einer gezielteren Bestellung. Den Brokkoli möchte ich wiedersehen. Die Teigtaschen sowieso. Und für diese Nudeln schiebe ich mich auch wieder freiwillig durch die Mahü.
Bussi, bis bald, Laolao!
Laolao, Mariahilfer Straße 126, 1070 Wien, täglich 12 bis 22 Uhr.

Manche Orte kennt man nur, wenn man im gleichen Grätzl lebt oder arbeitet. So ist das beim kleinen italienischen Ecklokal ‚Donatella‘, Margaretenstraße Ecke Pressgasse, gerade noch im 4. Bezirk. Ich habe sehr viele Jahre im Nachbarlokal gearbeitet und bin dort daher regelmäßig ein- und ausgegangen.
Die gebürtige Römerin Giorgia, Paolo und Donatella, Eheleute aus Napoli, führen diesen lustigen Tempel italienischer Gastfreundschaft. Das Donatella ist Feinkostgeschäft und Lokal in einem. Eine Speisekarte habe ich dort noch nie gesehen. Getränke bespricht man direkt mit einem der drei anwesenden Wirtsleute.

Aber eins nach dem anderen: Essen sollte man unbedingt eines der frisch zubereiteten Panini. Ich nehme immer Salami, Rucola, Tomate und irgendeinen wahnsinnig guten Käse, den mir Paolo empfiehlt, oft Pecorino, manchmal Taleggio. Das Panino wird hier nicht getoastet, was ich großartig finde. Irgendwie hat sich das Toasten in Nicht-Italien so etabliert, dass alle denken, in Italien wird jedes Sandwich getoastet.
Jackpot ist aber, wenn man zur Mittagszeit kommt und Giorgia was Warmes gekocht hat. Ich verschmähe alles, wenn ich dort eines der köstlichen Pasta- oder Risottogerichte essen kann. Ein regelrechtes Happening sind die Lieferung und der Verkauf der Pomodorini del Piennolo, einer Tomatenspezialität vom Vesuv.

Trinken kann man Aperitivo-Klassiker (Campari Soda!!), aber es lohnt sich auf jeden Fall, genauer nach den vielen verschiedenen, mir immer unbekannten Weinen im Regal zu schauen. Ein weiterer Irrglaube ist nämlich, dass alles, was italienisch sprudelt, unbedingt aus der Prosecco-Region kommt (don’t get me started on ‚Prosecco‘). Da gibt es wirklich guten Spumante (Schaumwein aus traditioneller Flaschengärung) aus Kampanien. Ah, und bitte unbedingt einen Espresso trinken, selten hab ich einen italienischeren in Wien genießen dürfen.
Wie ihr schon ahnt, vermischt sich hier ein Gabel- und ein Glas-Tipp. Aber meist geht Trinken nicht ohne Essen. Also hier meine Empfehlung:
Samstag nach dem Bauernmarkt am Naschmarkt die Pressgasse zur Donatella spazieren. Dann schnell italienische Wurst-, Käse- und Konservenwaren für die Wochenend-Jause einkaufen. Jetzt wird das Panino zusammengebaut und der Schaumwein ausgewählt. Dann stellt man sich kauend und trinkend ans Fenster, fühlt sich wie eine Göttin auf Ischia und beobachtet das rege Grätzl- und das laut-herzliche Wirtshausgeschehen. Denn eins ist garantiert: Zu erleben gibt’s da immer was. Im Glas und auf der Gabel.

Donatella, Margaretenstraße 42, 1040 Wien, Dienstag bis Freitag 11 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr.

Freunderlwirtschaft: Dank Freundschaft in der Wirtschaft
Das Wort Freunderlwirtschaft ist ein ziemlich österreichisches Wort mit eher bitterem Beigeschmack. Bitter und unangenehm, weil sich da Professionelles und Privates vermischt, und zwar zum Vorteil der Beteiligten und nicht zum Vorteil aller, hauptsächlich aus Politik und öffentlich wirksamen Ämtern bekannt.
In der Gastro gibt’s das auch, nicht selten ahnt man, dass manche Mühlen anders mahlen, wenn man da und dort jemanden kennt. Ein prominentes Beispiel kennt man aus der ‚kurzen‘ und engen Freundschaft eines Großgastronomen und ehemaligen Bundeskanzlers, beide halten sich inzwischen eher im Ausland auf. Man kennt es aber auch dank der ‚Berichterstattung‘ mancher Kulinarikmedien, die immer mal wieder vergessen, etwas als Paid Editorial auszuzeichnen. Das vermutet man, weil man da meist ähnliche Gesichter sieht und von den immergleichen Restaurants liest.
Letzterer Umstand ist auch einer der Impulse, die dazu geführt haben, dass wir hier jede Woche über Orte schreiben, an denen wir gerne essen und trinken gehen. Bezahlt ist davon keine Zeile.
Trotzdem hat uns letzte Woche eine Kritik ereilt, dass wir hier auch freundschaftlich wirtschaften. Sprich: hauptsächlich in die Wirtshäuser von Freund:innen gehen und hier darüber berichten.
Was soll ich dazu sagen: Ja und nein. Wir haben das große Glück, dass sich vor allem die jüngere kulinarische Szene so entwickelt hat, dass die meisten verstehen: ‚The more the merrier‘. Von Konkurrenz kann keine Rede sein, denn wir wissen: Je mehr Lokale es gibt, die gute Gastgeber:innenschaft, die Arbeit mit bedacht gewählten Produkten und ein faires, gutes Arbeitsklima hochhalten, umso besser kann es für alle sein. Man merkt das auch in der Gästeschaft. Immer mehr ausländische Gäste besuchen Wien nun auch wegen des vielfältigen kulinarischen Angebots. Und dafür ist nicht nur die Initiative von WienTourismus verantwortlich. :)
Die gute Gemeinschaft führt dazu, dass wir uns gegenseitig natürlich besuchen, plaudern, auch diskutieren und vielleicht auch mal nicht mehr hingehen, wenn etwas nicht passt. Doch oft stehen wir in freundschaftlicher Beziehung: Ich kann’s übrigens kaum erwarten, den Lutz im Drittl zu besuchen.
Manchmal werden aus Gästen Freund:innen, Freund:innen sind unsere Gäste. Manche Gäste werden Wirt:innen, auch dank der guten Zusammenarbeit, die hier in der Gastro-Bubble möglich ist.
Witzigerweise sagt man in meiner süddeutschen Heimat zu Wirtshaus auch Wirtschaft: Gastwirtschaft. Und in jeder Wirtschaft gilt: Das Wertvollste (auch im ökonomischen Sinn) sind Gäste, die wiederkehren. Sie kommen wieder, weil sie sich wohlfühlen. Wenn das Freunderlwirtschaft ist, dann cheers to that.

Wir denken, es ist wichtig, dass auch wir uns kurz zu der Kritik äußern: Für eine Empfehlung nehmen wir kein Geld, und das bleibt auch so. Sollte es hier irgendwann eine bezahlte Kooperation oder Anzeige geben, erkennst du sie immer sofort als solche.
Wo Lutz und Mara hingehen, entscheiden die beiden selbst, und sie gehen in deutlich mehr Lokale, als es je in eine Ausgabe schaffen. Hier landet nur, was sie überzeugt hat und wovon wir glauben, dass es dich interessiert. Ob uns das gelingt, weißt du besser als wir, also sag es uns. Gern auch so deutlich wie die Kritik von letzter Woche.
Und wenn wir schon dabei sind: In gerade einmal drei Monaten ist aus ein paar Freund:innen im Verteiler eine Leserschaft geworden, die längst in kein Lokal mehr passt. Danke!

Experimental Dinner von Slow Food Wien und VinziRast, Fr, 23. Oktober, 19 bis 23 Uhr, VinziRast mittendrin, Währinger Straße 19, 1090, 4-Gänge-Menü 65 €, Tickets über Slow Food Wien
Kräuterwanderung: essbare Wildkräuter im Herbst, So, 25. Oktober, 10 bis 11.30 Uhr, Lusthaus, Freudenau 254, 1020, 29,99 € (Kinder 6 bis 14 Jahre 15 €), nur mit Voranmeldung
Marktführung Schlingermarkt mit Kostproben, Fr, 13. November, 16 bis 18 Uhr, Floridsdorfer Markt, Brünner Straße 34 bis 38, 1210, gratis, Anmeldung erbeten

Das war Gabel & Glas für diese Woche. Hier ist die Stelle, wo wir uns über dein Feedback freuen würden:
Und wenn du jemanden kennst, dem diese Ausgabe gefallen könnte, leite sie weiter. Es ist noch Platz.
Bis nächste Woche!